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Wir trauern um
Dr. Hildegard Hamm-Brücher
11. Mai 1921 – 7. Dezember 2016

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Wir trauern um Dr. Dr. h. c. Hildegard Hamm-Brücher, Staatsministerin a.D., die verehrte und bewunderte Initiatorin und Mitbegründerin des Förderprogramms Demokratisch Handeln. In der Öffentlichkeit wurde sie die "Grande Dame" des Liberalismus genannt. Sie selbst nannte sich seit ihrem Austritt aus der Bundes-FDP, ihrem unmissverständlichen und empörten Protest gegen Jürgen Möllemanns Wahlkampf-Spiel mit rechtsradikalen und antisemitischen Klischees 2002, eine "freischaffende Liberale". Demokratie, das hieß für sie Freiheit und Verantwortung, öffentliche Präsenz, entschiedenes Engagement und die Weigerung, die Überzeugungstreue politischer Taktik zu opfern. Angesichts der Hinrichtung der Geschwister Scholl, deren weiterem Freundeskreis sie angehörte, hatte sie sich geschworen, nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft "für das zu leben, wofür andere gestorben sind". Sie hat als "Halbjüdin", die NS-Herrschaft überlebt, auch unter dem Schutz ihres Doktorvaters, des Nobelpreisträgers Heinrich Wieland.

Wer sie kannte und das Glück hatte, mit ihr zusammenzuarbeiten, der konnte sich ihrer Weitsicht, ihrer Bildung, ihrer naturwissenschaftlich geschulten Objektivität, erst Recht aber ihrer einzigartigen Ausstrahlung nicht entziehen. Bei der "Lernstatt Demokratie" war sie unangefochtener Mittelpunkt, ihre Präsenz war legendär – sie kam und war sofort mit interessierten und informierten Fragen mitten unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Bei den Sitzungen der Jury, bei denen bis zu 300 Projekte zu besprechen waren, verblüffte sie immer wieder mit Detailwissen und untrüglichem Instinkt für beispielgebende Projekte. Sie war niemals bequem, oft anstrengend, aber immer maßgeblich durch ihre Selbstdisziplin und in ihrer Begeisterung mitreißend.

Für Hildegard Hamm-Brücher war klar, dass "Demokratie" nicht nur als Regierungsform, sondern gleichwertig und nicht weniger fundamental als Lebensform und als Gesellschaftsform begriffen und gestaltet werden muss. Deshalb war auch das zivilgesellschaftliche Engagement für sie nichts Peripheres, sondern grundlegend wichtig und bestandsnotwendig für das demokratische Gemeinwesen als Ganzes. Sie hat selbst vorgelebt, was das bedeutet, nicht zuletzt durch die Gründung der Theodor-Heuss-Stiftung und deren langjährige richtungssichere Führung als Vorsitzende; vor allem bei der Wahl der Preisträger zeigte sich ihr seismographisches politisches Gespür und ihre einzigartige politische Urteilskraft – sie reichen von den ersten Preisträgern wie dem Bildungsreformer Georg Picht und der "Aktion Sühnezeichen" bis hin zu Human Rights Watch (HRW) und dem Zukunftsforscher Meinhard Miegel im Jahr 2005 – um nur wenige Beispiele zu nennen.

Nicht wegzudenken aus der deutschen Nachkriegsgeschichte und aus dem Schatz symbolstarker demokratischer Zeugnisse ist ihre persönliche Erklärung im Deutschen Bundestag zum Misstrauensvotum gegen den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt 1982. Sie hat sich dem machtpolitischen Schachzug ihrer Partei verweigert und sich mit ihrem Gewissensappell gegen einen Regierungswechsel allein aus dem Parlament heraus seinerzeit vielen, besonders auch jungen Leuten, in das politische Gedächtnis eingegraben: "Wir alle beklagen ja gemeinsam den Vertrauensschwund, vor allem bei der jungen Generation, und wir alle denken darüber nach, wie wir das ändern können, und wir alle haben die Pflicht, daraus dann auch Konsequenzen zu ziehen. Ich glaube, wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, wie wenig gefestigt unsere Demokratie immer noch ist und wie wenig überzeugend es für unsere Bürger ist, wenn in unserem Parlament immer nur vorgestanzte Partei- und Fraktionsmeinungen vom Blatt gelesen werden", so leitete sie seinerzeit ihre Stellungnahme ein. Ihr Mut wurde mit langjähriger persönlicher Missachtung und politischer Isolierung quittiert. Noch in der Bundesversammlung, als sie 1994 für das Amt der Bundespräsidentin kandidierte, hat Helmut Kohl ihr den Gruß verweigert.

Sie hat sich an ihr Votum immer gehalten. Und sie hat sich immer ganz besonders für die Erneuerung von Schule und Bildung aus dem Geist der Freiheit eingesetzt – auf nationaler wie auf internationaler Bühne. Ihrer Überzeugung, dass für den Bestand der Demokratie ein lebenslanges Lernen sich mit einem ebenso lebenslangen Engagement verbinden muss, entsprang auch ihr Impuls für die Gründung und bis zuletzt andauernde Begleitung und geistige Befeuerung unseres Wettbewerbs und Förderprogramms "Demokratisch Handeln". Hildegard Hamm-Brücher hat sich 1988, vermittelt durch Christoph Walter in der Robert Bosch Stiftung sowie mit Hans-H. Wilhelmi im damaligen Bundesbildungsministerium, an Andreas Flitner und Peter Fauser gewandt mit der Frage, was man schul- und jugendpädagogisch für die Demokratie tun könne. Der Anlass damals war das Aufkommen der rechtsradikalen Partei der "Republikaner" und das wachsende Misstrauen Jugendlicher gegenüber der etablierten Politik. Das Förderprogramm Demokratisch Handeln war die Frucht des gemeinsamen Nachdenkens. Die Idee: in der Schule nicht nur Wissen über Demokratie und Politik zu vermitteln, sondern Lernen mit praktischem Engagement und eigenem Tätigsein für Aufgaben des demokratischen Gemeinwesens zu verbinden– im "Unterricht, im Schulleben und über die Schule hinaus".

Das Förderprogramm ist nach einer schwierigen Aufbauphase erfolgreich geworden und ist es – als bundesweit aktives Programm für Schule und Jugend, für alle Altersgruppen und Schularten – bis heute. Basis war neben der fachlichen Kompetenz der Tübinger Gruppe und ihrer organisatorischen Erfahrung mit schulpraktischen Projekten die kontinuierliche Aufmerksamkeit und stupende Präsenz Hildegard Hamm-Brüchers mit ihrem unnachahmlichen demokratiepolitischen Temperament und Urteil. Wenige Tage vor dem Fall der Mauer gegründet, war das Programm seit 1992 bei Peter Fauser an der Universität Jena angesiedelt. Es wird von einem eigenen Förderverein getragen, gemeinsam mit der Theodor-Heuss-Stiftung.

Hildegard Hamm-Brücher ist in dieser langen Zeit für viele tausend Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrerinnen und Lehrern zu einem Begriff und zu einem unvergesslichen Gesicht demokratischer Leidenschaft und Standhaftigkeit geworden. Das hat ihr bei einer Lernstatt Demokratie den von Grundschülerinnen verliehenen Ehrentitel "Demograzie" eingebracht. Man konnte nur bewundern, wie sie – kaum hatte sie den Raum betreten – nicht nur zum geistigen Gravitationszentrum wurde, sondern unmittelbar präsent war, auf die Teilnehmenden mit echten und nicht mit "pädagogischen" Fragen zugegangen ist. Es war eine ihrer großen Gaben, geradeaus zu formulieren, auf den Punkt genau zur Sache zu sprechen und die politischen Zeitläufte mit raumgreifender Weitsicht und scharfem Urteil zu beleuchten.

Im Jahr 2005 hat die Friedrich-Schiller-Universität Jena Hildegard Hamm-Brücher "für ihre Verdienste zur Reform und Modernisierung von Bildung und Erziehung" die Ehrendoktorwürde verliehen, weil sie sich "... weit über jede Parteiengrenze hinaus für Demokratie und Bildung eingesetzt und immer wieder zwischen Politik, Wissenschaft und Bildungspraxis vermittelt" habe, wobei "… viele Vorschläge, die sie bereits in den 70er und 80er Jahren gemacht hat, noch heute modern und richtungsweisend" seien, so der Rektor der Universität Jena in seiner Begründung. Bernhard Vogel hielt die Laudatio, Altbundespräsident Richard von Weizsäcker war zugegen. Hildegard Hamm-Brücher dankte für die akademische Ehrung mit einem gelehrten Vortrag. Sein Thema "Haben wir aus der Geschichte gelernt?" könnte als politisches wie als pädagogisches Motto über ihrem Lebenswerk stehen.

Wir sind sehr dankbar dafür, dass sie 2009 den "Hildegard Hamm-Brücher-Förderpreis für Demokratie lernen und erfahren" gestiftet hat. Der Preis verpflichtet dazu, ihre Idee einer demokratiepolitisch streitbaren Zivilgesellschaft immer wieder öffentlich manifest zu machen – durch Person und Handeln der Preisträgerinnen und Preisträger und herausragender Schulprojekte. Wir werden das Förderprogramm und ihren Preis in ihrem Geiste weiterführen.

Hildegard Hamm-Brücher hat uns viel Zeit, erfüllte Gegenwart und herausfordernde Gespräche geschenkt. Nur bei ganz wenigen Veranstaltungen des Förderprogramms musste sie ihre Teilnahme absagen – das erlaubte sie sich nur bei höherer Gewalt. Zuletzt war sie im Juni 2016 bei der Lernstatt Demokratie in der Akademie für Politische Bildung Tutzing bei uns und – mit zwölf Schülerinnen und Schülern aus Demokratisch Handeln-Projekten – am 12. Oktober im "Zukunftsforum #2036" bei Bundespräsident Joachim Gauck im Schloss Bellevue in Berlin; gebrechlich, aber noch immer von wunderbarer Gemütspräsenz.

In einem ihrer jüngeren Texte zum demokratischen Handeln in der Schule schreibt Hildegard Hamm-Brücher: "Ich bleibe dabei: Unsere Zukunft und die Zukunft unserer Bildung liegt vor allem in der Demokratiefähigkeit und der Gerechtigkeit von Schule gegenüber den Kindern und Jugendlichen. … Die vielen Beispiele demokratischen Handelns geben mir große Zuversicht in das Potential, das in den Schulen selbst steckt, in den Schülerinnen und Schülern sowie ihren engagierten Lehrkräften. (Das) zeigt auf schöne Weise den jungen und kreativen Geist unserer Gäste, deren Ideenreichtum mich begeistert, und dessen verbindende Mitte ein demokratisches Miteinander und der Wille zum gemeinsamen Handeln ist."

Diesem Vermächtnis von Hildegard Hamm-Brücher sehen wir uns verpflichtet. Sie bleibt lebendig und herausfordernd in unseren Herzen und Köpfen. Wir sind froh und dankbar dafür, dass sie so lange bei uns war.

7. Dezember 2016, für das Förderprogramm Demokratisch Handeln

Wolfgang Beutel, Peter Fauser und Jan Hofmann

und

Arila Feurich
Mario Förster
Michaela Weiß
Darina Isserlis
Kristina Banz
Michael Marker
Volker Reinhardt
Silvia-Iris Beutel
Tim-Mathis Beutel
Toralf Schenk
Matthias Brock
Elke Urban
Christa Goetsch
Karlheinz Goetsch
Hans-Wolfram Stein
Klaus Wenzel
Ulrich Dellbrügger
Claudia Thiede
Michael Ridder
Grit Hiersemann
Jürgen Junker
Reiner Maria Fahlbusch
Christel Schrieverhoff
Reni Maltschew
Rupprecht Podszun
Franz Jentschke
Dorothea Kröll
Nadja Bauer
Benno Dalhoff
Manuel Schiffer
Gundela Irmert-Müller
Gerhard Himmelmann
Hella Sobottka
Maximilian Bubinger
Frederik Damerau
Jennifer Strauß
Christine Wolfer
Ralph Leipold
Ute Selle
Wolfgang Wildfeuer
Angelika Wolters
Johnny Bonk
Erich Ott
Annemarie Creutz
Christian Neumann
Helmolt Rademacher
Hans Berkessel
Paul Becker
Kai Sauer
Michael Haag
Cläre Bordes
Marion Rudelt
Sophia Fruth
Susanne Braun-Bau

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(20.7.2017, DI)

 
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